VB: „Capitano Claudio, seit 23 Jahren leben Sie auf Gomera. Vor 20 Jahren haben Sie hier den Club de Mar Valle Gran Rey gegründet. Es sieht ganz so aus, als würde sich diese Institution nun in Auflösung befinden. Ist unser Eindruck richtig?”
CC: “Es sieht ganz so aus. Zumindest musste der Club bis auf Weiteres erst einmal alle seine Aktivitäten einstellen. Viele unserer langjährigen Mitglieder haben sich entweder aus Gomera verabschiedet, oder sie kommen nur noch ab und zu mal “zu Besuch” seit sich nun auch hier der “harte Tourismus” mehr und mehr durchsetzt und alternative Aktivitäten so gut wie unmöglich gemacht werden”.
VB: “Hört sich nach Resignation an”.
CC: “Ach Gott, ich bin nun über 70 Jahre alt. Da hat man langsam die Schnauze voll von diesen ewigen Querelen, Anzeigen, Behördenstress etc. Jetzt reicht es langsam.”
VB: “So schlimm?”
CC: “In letzter Zeit ja. Viele Jahre habe ich ja geglaubt, wir könnten uns hier mit unseren kleinen Booten ganz entspannt um die Meerestiere kümmern und auch Besuchern die Wunder des Meeres zeigen, die es gerade hier, vor Gomera, noch in so großer Vielfalt gibt.
Wissenschaftler und Studenten von zahlreichen Universitäten konnten hier ihre Studien machen, selbst das kanarische Umweltministerium, mit dem wir stets eng zusammengearbeitet haben, hat uns als Modell für sanftes, umweltverträgliches Whalewatching gelobt. Ende der 80er Jahre waren wir nicht nur auf Gomera, sondern auf allen kanarischen Inseln mit die ersten, die auf ihren Booten die “gelb-blaue Flagge” für ökologisches Whalewatching führen durften. Leider ist inzwischen der Begriff “Whalewatching” zum reinen Touristenrummel verkommen. Außerdem vergeht kein Jahr, in dem nicht immer neue und immer hirnrissigere Vorschriften erlassen werden”.
VB: “Zum Beispiel?”
CC: “Ständig neue Sicherheitsauflagen, Genehmigungsverfahren, Schulungen, Prüfungen, Unterwasserschallkontrollen, Befähigungsnachweise, Zeugnisse, Zulassungen, Versicherungsbestimmungen - jetzt will man allen Ernstes auch nur noch professionelle Mannschaften mit Berufskapitänen zulassen - und das alles selbst auf Booten, die maximal 5 Leute an Bord haben dürfen. Wie soll das denn gehen?”
VB: “Na, na, jetzt übertreiben Sie aber”.
CC: “Schön wär´s ja. Aber es sieht ganz so aus, als wollten die Behörden bewusst nur noch den Massentourismus zulassen: Große Schiffe mit hundert Passagieren, damit sich das Ganze auch kommerziell lohnt. Und selbstredend führen auch die inzwischen alle die gelb-blaue Flagge. Damit nageln die dann unbehelligt durch die Delfin- und Walschulen. Als wir hier anfingen, da gab es keinen “Wal-Tourismus”. Heute fahren allein auf Teneriffa täglich Dutzende von Dampfern zum “Whalewatching” raus. Die Leute werden voll verarscht, aber das ist egal. Hauptsache der Rubel rollt. Meeressäuger sind inzwischen auf den Inseln zum großen Geschäft geworden. Und hier, auf Gomera, fängt das jetzt auch an”.
VB: “Die kommerzielle “Konkurrenz” hat Sie angezeigt?”
CC: “So ist es. Hätten wir nie mit gerechnet, aber wenn es ums “Geschäft” geht, dann ist heute jedes Mittel recht. Da wurde den Leuten hier sogar erzählt, sie würden sich strafbar machen, wenn sie mit dem Club de Mar aufs Meer führen. Aus dem, was der Club de Mar vor 20 Jahren als Non-Profit-Organisation aufgezogen hat, haben andere inzwischen ein profitables Tourismusgeschäft gemacht, das sich auf jede denkbare Art und Weise ein Monopol sichern will. Aber das ist ja nicht nur auf Gomera so. Das ist im Rest der Welt ja nicht anders. Überall, wohin man auch schaut, geht es heutzutage nur noch um die Kohle. Das trifft uns auf dieser Insel eben nur besonders hart, weil wir uns hier seinerzeit im Paradies wähnten. War leider ein Irrtum”.
VB: “Und wie geht es nun weiter?”
CC: “Weiß ich nicht. Vielleicht macht das eine oder andere unserer Club-Mitglieder mobil und hängt sich in die Sache rein, aber ich selbst bin inzwischen zu alt für dieses ewige Hick-Hack. Ich mag mich nicht mehr mit Leuten rumschlagen, deren Hirn voll vernebelt ist. Ich schreibe lieber in Ruhe meine Memoiren, die man ja im Valle-Boten regelmäßig nachlesen kann, ich male unter meiner Palme Bilder vom Meer und habe mir fest vorgenommen, keinen Herzinfarkt zu kriegen. Sollen doch die anderen mal machen”.
VB: “Aber da ist doch jetzt immer noch dieser Rechtsstreit anhängig. Ihre Boote - darunter auch Ihre Weltumsegler-Yacht “Triana” - liegen an der Kette. Wollen Sie die jetzt einfach hier im Hafen vergammeln lassen?”
CC: “Die Boote sind Eigentum einer GmbH. Die werden, sobald die Rechtslage gerichtlich geklärt ist, entweder alle verkauft, oder möglicherweise auch wieder als Charterboote laufen. Die GmbH hat schließlich unter anderem eine offizielle Charter-Konzession. Da können sich Leute, denen der abgewichste Massentourismus auf den Senkel geht, jederzeit ein Boot mieten und auf eigene Faust das Meer erkunden und nach Meerestieren Ausschau halten. Leider wohl nicht mehr als Mitglieder des “Club de Mar”, aber das ist ja dann sicher auch nicht so wichtig. Aber - wie gesagt - mich betrifft das alles nur noch sehr peripher.
VB: “Schnauze voll von Gomera?”
CC: “Quatsch! Mit Gomera hat das nichts zu tun. Seit über 20 Jahren ist Gomera meine Heimat und wird es auch bleiben. Ich bin auch keiner von denen, die auf “die Gomeros” schimpfen, wenn ihnen ein einheimischer Konkurrent unfair von hinten ins Kreuz tritt. Solche Leute gibt es doch schließlich überall. Muss man mit leben. Und dass es nun gerade auf Gomera mehr von denen geben soll, als in Hamburg oder Berlin, das glauben Sie doch wohl selber nicht”.
VB: “Im Gegensatz zu Jimmy führen Sie die Kampagne gegen den Club de Mar offensichtlich nicht auf Ausländerfeindlichkeit zurück”.
CC: “Nicht im Geringsten. Ich habe in all den Jahren, die ich nun schon auf dieser Insel lebe, nie unter Ausländerfeindlichkeit gelitten. Natürlich gibt es auch hier Dumpfbacken. Wie überall auf der Welt. Aber ich lebe mit meinen Nachbarn hier friedlich und freundschaftlich zusammen. Auch bei Behörden habe ich nur sehr selten das Gefühl gehabt, anders behandelt zu werden als die Einheimischen. Auch die leiden ja oft unter Missgunst und Denunziantentum einiger Weniger. Idioten gibt es überall. Die muss man eben ertragen”.
VB: “Altersmilde?”
CC: “Kaum. Eher Lebensweisheit. Schließlich bin ich in meinem Leben weit in der Welt herumgekommen. Ich glaube, ich habe die Menschen einigermaßen kennen gelernt. Die sind nämlich überall auf der Welt ziemlich gleich. Es gibt überall solche und solche - aber in ihrer überwiegenden Mehrheit kann man prima mit ihnen auskommen, wenn man sich vor Verallgemeinerungen hütet. Das gilt auf dieser, immer noch paradiesischen Insel wie im gesamten Rest dieser merkwürdigen Welt”.
VB: „Capitano Claudio, wir danken Ihnen für dieses Gespräch”.